Es ist sicher schon manchem aufgefallen, dass sich Nachrichtenmagazine im Sommerloch gerne mit Unfug beschäftigen und diesen sogar auf den Titel heben. Der Stern macht da keine Ausnahme, dreht sich doch die Titelstory von gestern um das Thema, wie verführerisch Arbeit heute (teilweise) gestaltet ist und wie sehr sich die Arbeitnehmer vom Erfolg und der damit (hoffentlich) einhergehenden Anerkennung abhängig machen, anstatt einfach mal nein zu sagen.
Faszinierend ist, das man dabei nur Führungskräfte mittlerer und höherer Ebene, Kreative, Menschen in Bürojobs ganz allgemein betrachtet hat. Als wenn Deutschlands Arbeitslandschaft daraus bestünde... Oh, sicher, viele Menschen arbeiten im Büro und sicher ist es ganz toll, wenn man zwischendurch mit Kollegen einen Cappucino im hauseigenen Bistro schlürfen kann, um sich dabei über die Arbeit zu unterhalten, oder mal schnell ein paar Bälle über den Platz zu schlagen. Doch auch das ist nicht der Regelfall des Berufslebens. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass an vielerlei Arbeitsstätten die einzigen Schlüsselqualifikationen, welche man von den Mitarbeitern erwartet folgende sind:
- tue, was man dir sagt, wenn man es dir sagt!
- keine Widersprüche, keine unnötigen Nachfragen, kein Mitdenken!
- dein Arbeitsplatz wird so gestaltet, wie wir es für richtig halten!
- Mitsprache gleich welcher Art findet nur in dem Umfang statt, den wir zulassen!
Zum einen ist die Entgrenzung von Arbeitsplatz und Freizeitraum bzw. von Arbeitszeit und Freizeit schädlich, denn in dem Moment, da alles zu einer Melange des sich selbst managen Müssens degeneriert, verliere ich Kontrolle und Konzentration auf das im jeweiligen Bereich Essentielle. Ich arbeite nicht konzentriert, denn Arbeit ist ja irgendwie überall, denn ich kann sie mitnehmen; und ich lebe / müssiggehe / entspanne nicht mehr mit der notwendigen Würdigung dieses Freiraumes, weil ja alles irgendwie im Fluss und ein Spiel geworden ist.
Das Credo des Artikels, einfach mal NEIN sagen zu sollen wird durch die irgendwie ja ganz nette Beschreibung der Arbeitsumwelten weniger und die markigen Aussagen von Personalern, dass man halt jedes Jahr die Latte ein bisschen höher legt konterkariert. Es gibt also in deren Welt nur die Wege [Karriere > Leben] oder [Leben>Karriere]. Woraus sich drei entscheidende Fragen ableiten lassen:
Wieviel ist Karriere wert, wenn ich mit Mitte 40 im Burnout angelangt bin?
Wann lebe ich, wenn der Zweck des Lebens ist zu arbeiten, um leben zu können, nicht leben um arbeiten zu können?
Wem nutzt es, wenn ich immer mehr leiste? Wer wird dafür wegrationalisiert und verliert seine Lebensgrundlage?
Ich finde diese Angewohnheit, alles als "Lifestyle" inszenieren zu müssen, diese gezwungene Lässigkeit des "everything goes everywhere" zum Kotzen! Zum einen weil ich es genieße am (fest definierten) Ende des Arbeitstages meine Klamotten abzulegen (nein ich arbeite nicht am Band, sondern im Gesundheitswesen) und nichts außer vielleicht ein paar Gedanken zum Tagwerk mit nach Hause nehmen zu müssen. Es erscheint mir mittlerweile als Privileg, mich nicht mit so einem Unsinn wie Zielvereinbarungsgesprächen, Coachings u.Ä. herumschlagen zu müssen.
So ganz am Rande wäre es interessant zu erfahren, wie's bei Opel am Band, bei der Schwester auf Station, beim Postzusteller oder sonstwo, wo tatsächlich durch der Hände Arbeit Wert geschöpft wird mit solchem Quatsch aussieht. ich glaube, DAS würde die Leser wirklich interessieren. Der Personaler von Adidas mit seinen vollkommen überzogenen Vorstellungen von Performance ist mir nämlich schnurz!
Schönen Tag noch...
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